Kinder- und Jugendpsychiatrie

Shownotes

„Ich wollte Ihnen nur sagen: Ich studiere jetzt und es geht mir gut!“, zitiert Prof. Dr. Michael Huss aus einer E-Mail, die er jüngst von einer ehemaligen Patientin erhalten hat. Solche Rückmeldungen freuen den Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, denn: „Es gibt viele Fälle, die sehr belastend sind, das muss man ganz offen sagen.“

Im Gespräch mit Prof. Dr. Ralf Kiesslich macht Michael Huss deutlich, dass immer mehr Kinder und Jugendliche an psychischen Störungen wie Depressionen und Ängsten oder auch an Essstörungen leiden. Um ihnen zu helfen, gibt es in Mainz neben ambulanten, teilstationären und stationären Behandlungsmöglichkeiten ein weiteres Angebot: „Wir haben ein großes Innovationsprojekt, wo wir aufsuchend tätig sind: Es heißt ‚HomeBASE‘. Das bedeutet, wir fahren in die Familien, auch bei sehr krisenhaften Patient:innen, und versuchen, sie dort zu stabilisieren.“ Und noch etwas anderes ist ihm dabei sehr wichtig: „Wir rücken die Kinder von Anfang an in den Mittelunkt unseres Gesprächs.“

Angesprochen auf das Thema Soziale Medien und psychische Erkrankungen sagt Michael Huss: „Hier müssen wir den richtigen Fokus setzen: Wer mehr Medien nutzt, wird davon nicht depressiv. Gleichwohl können Soziale Medien ein Brandbeschleuniger sein, wenn ein psychisches Problem besteht. Aber man darf die Medien selbst nicht als Ursache verstehen. Das ist immer die Kunst!“

Weitere Informationen: https://www.unimedizin-mainz.de/kinderpsychiatrie

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Transkript anzeigen

00:00:00: Insight-Universitätsmedizin Mainz.

00:00:03: Spannende

00:00:03: Einblicke für alle.

00:00:06: Herzlich willkommen zu einer neuen Folge von Insight-Universitätsmedizin Mainz.

00:00:10: Es geht um Menschen, die die UM Mainz bewegen.

00:00:14: Und heute ist es mir eine große Freude, hier Professor Michael Hust zu haben, der die Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychosomatik an der UM Mainz leitet.

00:00:23: Wie schön, dass Sie da sind.

00:00:25: Vielen Dank.

00:00:26: Das ist ja einfach, dass mit hoher Sensibilität ausgestattet ist.

00:00:30: Sie haben bestimmt ganz viele Fälle, die in der Erinnerung sind.

00:00:33: Aber welcher Fall geht in Ihnen herum und drückt auch aus, was Sie vielleicht jeden Tag machen?

00:00:40: Also gibt viele Fälle, die sehr belastend sind, muss man ganz offen sagen.

00:00:45: Aber jetzt gerade kürzlich kam eine Mail rein von einer Patientin, die mir geschrieben hat.

00:00:52: Vielleicht können Sie sich nicht an mich erinnern.

00:00:55: Ich konnte mich schon erinnern, ich war damals vor ein paar Jahren bei Ihnen in einer Krise und konnte nicht, habe nicht mit Ihnen gesprochen, aber ich habe mir sehr genau angehört, was Sie gesagt haben.

00:01:06: Ich wollte Ihnen nur sagen, ich studiere jetzt und es geht mir gut.

00:01:09: Das trug ich mir dann aus und freue mich.

00:01:12: Das ist so ein Fall, der jetzt ganz aktuell mich beschäftigt hat.

00:01:15: Das

00:01:16: ist ein ganz wunderbarer Moment, glaube ich, wo man gestärkt wird, dass man vieles vielleicht auch gemeinsam richtig gemacht hat.

00:01:21: Aber die Krisen bei Jugendlichen, man hat das Gefühl, sie nehmen zu, Corona war noch ein Punkt, wo die Kommunikation nicht mehr so gelaufen ist, was ja gerade bei den Kindern und Jugendlichen so wichtig ist.

00:01:32: Wie haben Sie das erlebt und wie gehen Sie insgesamt damit um?

00:01:35: Also Corona war für uns wirklich eine ganz, ganz, ganz schwierige Phase, also auch für die Patienten, weil einfach das sind sensible Phasen, wo die mit ihren Peers sich interagieren müssen, sie müssen sich mit ihren Eltern abgrenzen, sie müssen sich herausfordern.

00:01:50: und das war extrem und es hat auch einen sehr starken Nachhalt gehabt und wir haben auch tatsächlich Veränderungen gesehen in der Psychopathologie der Kinder und Jugendlichen.

00:02:00: Können Sie vielleicht skizzieren?

00:02:02: Es gibt ja ambulante Angebote und stationäre Angebote.

00:02:05: Wir bieten welche an, an der UR Mainz, aber auch im Landeskrankenhaus, wo sie auch verantwortlich sind.

00:02:10: Es gibt ja das Gefühl, dass oft gar nicht genügend Plätze oder Angebote sind.

00:02:14: Wie kann man sich an Sie, an uns wenden und wie differenzieren Sie, ob das eher ambulant oder stationäre Behandlungen notwendig sind?

00:02:22: Wir haben natürlich einen strukturierten Informationsfluss, wenn das an uns herangetragen wird.

00:02:27: Die Fragestellung, das geht dann eben über eine fachärztliche Einschätzung am selben Tag und wird entschieden, wo sind die Schwerpunkte und dann wird geschaut, an welchem Standort, mit welcher Intensität und welcher Zeitdauer, Latenz, das bearbeitet wird, ob sofort oder ... elektiv.

00:02:43: Und dann haben wir vom Spektrum her von stationär, teilstationär, ambulant, wie Sie sagen, aber wir haben jetzt auch ein großes Innovationsprojekt, wo wir aufsuchend tätig sind.

00:02:51: Das heißt Homebase, das heißt, wir fahren in die Familien auch bei sehr krisenhaften Patienten, versuchen sie dort zu stabilisieren.

00:02:58: Können Sie uns vielleicht noch mal mitnehmen, was sind die häufigsten Erkrankungen?

00:03:00: Eher die Depression, die Identifikationsstörung, nicht zurechtkommen mit gewissen Situationen, vielleicht auch Mobbing, all diese Dinge, wenn Sie das mal wichten würden, wie sieht der Alltag aus?

00:03:13: Wir haben die beiden großen Gruppen, die internalisierenden Stören, die externalisierenden Störungen, die von Ihnen angesprochenen Depressionen wären bei den internalisierenden Störungen, Selbstwertkrisen, selbstverletzendes Verhalten, Depressionenängste, die nehmen tatsächlich zu und haben auch unter Corona deutlich zugenommen, interessanterweise bei Mädchen besonders.

00:03:31: Dann haben wir aber auch die externalisierenden Störungen, Impulskontrollstörungen, Aggressionen.

00:03:37: ja, ADHS, aber da gehören auch diese sogenannten neurodevelopmental disorders, Tiktoret, vieles andere mehr, Konzentrationsstörungen dazu.

00:03:47: Also es ist ein sehr breites Spektrum und insgesamt haben wir sehr viel zu tun, muss ich sagen.

00:03:53: Das glaube ich, das ist ja genau diese Frage nach dem Angebot.

00:03:56: Was wünschen Sie sich denn und wie sind denn Wartezeiten und wie schätzen Sie das ein, bis ein Kind oder ein Jugendlicher bei Ihnen auch eine Therapie erhalten kann?

00:04:07: Das könnte immer noch besser sein, gar keine Frage.

00:04:10: Ich bin keiner, der sozusagen in dieses globale Horn bläst.

00:04:14: Alles wird schlimmer und es werden immer mehr.

00:04:16: Wir haben eine Verschiebung und da müssen wir sehr gut damit umgehen.

00:04:20: Also ich bin sehr dankbar, dass wir so ein vielfältiges Angebot aufbauen konnten an vielen Standorten, wo wir uns auch wechselseitig stabilisieren können.

00:04:29: Ich würde mir natürlich tatsächlich mehr wünschen aus der Klinik raus in die Familie.

00:04:33: Und deswegen bin ich froh, dass wir jetzt diese Innovationsprojekte haben.

00:04:36: laufen

00:04:36: haben.

00:04:37: Sie haben einmal ausgeführt, dass soziale Medien wie ein Brandbeschleuniger wirken können.

00:04:42: Ich habe aber auch eine Studie gelesen, dass auch Facebook-Freunde dazu beitragen können, dass Depressionen durchaus verbessert werden, weil man immerhin noch Freunde und Interaktion hat.

00:04:51: Wie würden Sie deshalb die sozialen Medien beurteilen und was empfehlen Sie auch vielleicht den Eltern, die zu schauen oder den Kindern, wenn sie denn dieses Interview verfolgen, ob man mehr oder weniger soziale Medien nutzen sollte?

00:05:03: Also ich bin ja selber Vater von vier Kindern und ganz glücklich, dass ich seit acht Wochen auch Großvater bin.

00:05:11: Insofern muss man da schon immer trennen, was macht man zu Hause und was empfiehlt man zu Hause.

00:05:15: Da bin ich eher restriktiv, sage ich ganz offen, weil ich da auch... Menschen erleben will, mit denen man direkt sprechen kann und nicht durch ein Medium vermittelt.

00:05:25: Aber die wissenschaftliche Evidenz zeigt ganz klar, dass dieses Medienbashing absolut nicht belegbar ist.

00:05:32: Wir haben natürlich Kinder, die depressiv sind, die nicht mehr rausgehen, die nutzen mehr Medien.

00:05:36: Aber wer mehr Medien nutzt, wird davon nicht depressiv.

00:05:38: Es gibt eine eindrucksvolle Studie, die Trondheim-Studie, die das über zehn Jahre hochwissenschaftlich sehr differenziert, längstschnittlich untersucht.

00:05:46: Da sieht man keinen längstschnittlichen Zusammenhang, nur ein Querschnittlich.

00:05:50: Insofern müssen wir aufpassen, den richtigen Fokus zu setzen.

00:05:53: Ja, Medien sind Brandbeschleuniger, also wenn sie ein Problem haben, plus Medien, wird es aber richtig schlimm, ja, mit Mobbing und Isolation, aber auch Demütigung, also ganz schrecklich oder vergleichen, aber man darf die Medien selber nicht als Ursache verstehen, das ist immer die Kunst.

00:06:11: Und zu Ihrer Frage, was empfehle ich?

00:06:13: Ja, also... Beziehung vor Medien.

00:06:16: Aber Medien, bitte nicht verteufen oder was?

00:06:19: Das ist Teil unserer Realität.

00:06:21: Ja, es gibt diese berühmte Harvard-Studie, das glücklich sein soll.

00:06:24: Was kommt am Ende raus?

00:06:25: Es geht um werthaltige Beziehungen, Interaktionen auf Menschen, die man sich verlassen kann.

00:06:30: Die Kinder sind ja verzweifelt, die bei ihnen sind.

00:06:33: Wie führen sie dort wieder heran, dass sie sich in dem sozialen Gefüge wieder gewertschätzt fühlen und dass sie auch wieder Vertrauen gewinnen können.

00:06:42: Was sind da so Empfehlungen, die sie geben?

00:06:45: Wir rücken tatsächlich die Kinder in den Mittelpunkt unseres Gesprächs, schon vom ersten Moment an.

00:06:51: Wir vermeiden, viele Eltern wollen erst mal mit dem Therapeuten sprechen und mal ihre Sicht klarmachen, dass der dann auch gepreift ist, wie er sich einem Kind gegenüber zu verhalten hat.

00:07:01: Das bitten wir drum, um Verständnis, dass wir das nicht tun.

00:07:03: Das Kind ist von Anfang an unserer primären Gesprächspartner, egal in welchem Alter, die Eltern sind dabei, dass sie sich da nicht hintergangen fühlen und dann entwickeln sich diese Interventionen und genauso arbeiten wir auch weiter.

00:07:17: Manchmal muss man den Fokus auf die Familie setzen, also wie bei den Essstörungen.

00:07:21: jetzt haben wir auch ein großes Projekt laufen.

00:07:23: Da ist es fast effektiver, auch das Essverhalten in der Familie sich anzuschauen.

00:07:28: Aber im Grunde ist die Kunst Beziehung und das Kind in den Mittelpunkt

00:07:32: stellen.

00:07:32: Führen Sie gerne noch mal über die Essstörung aus, weil das, glaube ich, wird ja bei vielen Jugendlichen so Körperwarn, ich ess ganz wenig oder auch das Essen mit dann wieder erbrechen und nicht gut damit umgehen können.

00:07:44: Vielleicht auch, weil es in den sozialen Medien Vergleiche gibt, den man einfach nicht standhalten kann.

00:07:49: Was sind da die... Erfolgsversprechenden Therapieansätze.

00:07:53: Da muss man wirklich fast beschämt auf unser Fach kritisch schauen, weil wir früher die Eltern eigentlich immer, ich sag mal, angeschuldigt haben, dass sie... oder die Mütter überbemüttern, die Mädchen, die lassen sie nicht groß und so groß werden, das ist überhaupt nicht der Fall.

00:08:09: Also das sind verzweifelte Eltern, die zuschauen müssen, wie ihre Kinder verhungern und dadurch werden sie natürlich auch auffällig die Eltern.

00:08:16: Aber inzwischen können wir ganz klar zeigen, wenn wir die Kinder früh entlassen, stabilisieren somatisch natürlich, das wird ja auch gefährlich, wenn das Herz immer langsamer schlägt und die verhungern.

00:08:25: Also das ist eine sehr herausfordernde Erkrankung mit vielen Dimensionen, aber wir gehen entlang die viel früher als noch vor Jahren haben ein spezifisches Trainingsprogramm für die Eltern, das ist halt Family-Based Therapy, wo wir dann auch ganz gezielt diese ganzen Kontrollschleifen aus der Hand geben und mit wesentlich besseren Erfolgen.

00:08:48: Wie sind so die durchschnittlichen Aufenthalte stationär und dann die nachfolgende Therapie, die ja ambulant begleitet wird bei solchen Essstörungen, die ja schwerwiegend sind?

00:08:57: Ja,

00:08:58: die sind extrem lang im Vergleich zu anderen.

00:09:01: Das hat aber einfaches damit zu tun, dass wir aufpassen müssen, dass wir kein sogenanntes Refeeding-Edema generieren.

00:09:07: Also wenn die jetzt extrem abgemagert sind und vielleicht zwanzig Kilo zunehmen müssen, um überhaupt wieder in einen perzentilen messbaren Bereich zu kommen, dann darf man da nicht voll Gas geben, sondern wir sagen immer so maximal siebenhundert bis tausend.

00:09:23: Gramm pro Woche, sonst entgleist der Stoffwechsel und da haben wir überhaupt nichts gewonnen.

00:09:29: Und das führt zu sehr langen Liegezeiten.

00:09:32: Am Ende noch die persönliche Frage.

00:09:34: Auf der einen Seite, was man als Prävention machen kann, um Kindergesundheit zu fördern, was haben Sie selbst als Vater gelernt durch Ihre Arbeit, was Sie vielleicht auch innerfamilie anwenden?

00:09:45: Ich bin froh, dass es heute fast schon standard ist, dass Männer Erziehungszeit machen.

00:09:50: Bei mir war das, ich habe ein Jahr ausgesetzt, bei mir war das ein sehr harter Schnitt auch für die Karriere.

00:09:59: Aber ich glaube, es war der richtige Schritt und ich glaube, das Entscheidende ist, dass man auch sich Zeit für Kinder nimmt, dass man sie extrem ernst nimmt, dass man sich selbst hinterfragt und die Kinder haben einen unglaublich sensitiven Antennen geradezu wahrzunehmen, ob man sich ehrlich authentisch verhält oder ob man sie quasi bevormundet oder dominiert.

00:10:19: Vielen Dank für das Gespräch.

00:10:20: Ich danke.

00:10:22: Meine sehr verehrten Damen und Herren, das war ein Gespräch, was unter die Haut geht, weil es ging um die Psyche, unsere Kinder und wie wir sie stärken können.

00:10:30: Und dann, wenn sie in der Erkrankung umschlägt, welche Hilfsangebote da sind.

00:10:34: Und soziale Medien können ein Brandbeschleuniger sein, Corona in der Isolation auch.

00:10:38: Und ich glaube, wir brauchen diese breiten Angebote und die wurden heute wunderbar erläutert.

00:10:42: Vielen Dank dafür.

00:10:44: Und ich freue mich sehr, wenn Sie in vierzehn Tagen wieder einschalten, wenn es heißt In-Zeit-Universitätsmedizin Mainz.

00:10:51: Wenn euch der Beitrag gefallen hat, abonniert Insight Universitätsmedizin Mainz über ein Podcast Anbieter eurer Wahl.

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